Wie Kinder den Holocaust erlebten

Sie wurden aus ihrer kleinen Welt herausgerissen, verschleppt und getötet. Im Holocaust starben eineinhalb Millionen jüdische Kinder. Die Ausstellung «Kein Kinderspiel», die am Montag in Eschen eröffnet wurde, ist ihnen gewidmet.

Stille. Kein Stimmenwirrwarr wie bei anderen Vernissagen. Die Besucher, die sich am Montagabend in der Bibliothek des Schulzentrums in Eschen eingefunden haben, lesen in Büchern oder stehen in kleinen Gruppen zusammen und flüstern. Ansonsten wird nicht gesprochen, sogar die Jugendlichen, die in einer Ecke sitzen, wirken in sich gekehrt. Viel zu sagen gibt es auch nicht, denn wenn man mit dem Holocaust konfrontiert wird, fehlen einem schlichtweg die Worte.

Kein Kinderspiel

Eva Heinmann war 13 Jahre alt, als sie ein Tagebuch geschenkt bekam, kurz bevor die Deutschen in Polen einmarschierten. Die Kindheit des jüdischen Mädchens endete abrupt. In den folgenden Monaten vertraute Eva ihrem Tagebuch all die schrecklichen Dinge an, die um sie herum passierten. Wie die Deutschen kamen und ihr neues Fahrrad beschlagnahmten, wie sie und ihre Freundinnen sich fühlten, als sie einen gelben Davidstern gut sichtbar auf ihren Kleidern tragen mussten. So wie Eva haben viele Jugendliche zu jener Zeit Tagebuch, Gedichte oder Briefe geschrieben, stets mit einer Vorahnung auf noch dunklere Tage. «Diese Texte zeigen, wie viel Schmerz diese Kinder und Jugendlichen erdulden mussten, wie viel Angst sie hatten», sagte Ausstellungskoordinator Arno Brändle, der zusammen mit Jugendlichen des Schulzentrums Unterland einige Tagebuchausschnitte jüdischer Kinder vorlas. «Gleichzeitig sind sie aber auch Zeugnis eines unglaublichen Lebenswillens.» Ein Lebenswille wie ihn Eva Heinmann hatte. Dennoch überlebte das 13-jährige Mädchen den Holocaust nicht. Eineinhalb Millionen jüdische Kinder fielen dem NS-Rassenwahn zum Opfer. «Es ist unmöglich jedem einzelnen der 1,5 Millionen Kinder zu gedenken», sagte Arno Brändle, «aber wir können versuchen, eine bessere Welt zu errichten.» Er hat alles daran gesetzt die Wanderausstellung «Kein Kinderspiel» nach Liechtenstein zu bringen. Die 16 Bildtafeln, die Anfang des Jahres auch in der UNO in Wien ausgestellt waren, zeigen auf einfühlsame Weise, wie es jüdischen Kindern vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg erging. Gedichte, Texte und Zeichnungen lassen erahnen, wie es in den so jungen Seelen ausgesehen haben muss. Fritz Baum, Vorstandsmitglied des Vereins der Liechtensteiner Freunde von Yad Vashem, freute sich ganz besonders, dass diese Ausstellung, die international sehr gefragt ist, auch in Liechtenstein gezeigt wird. «Es war wahrlich kein Kinderspiel für jüdische Kinder während des Zweiten Weltkriegs. Ihr Leben war von Angst und Schrecken geprägt», sagte Fritz Baum in seinen kurzen Grussworten und hofft, dass die Ausstellung zum Nachdenken anregt.

Gegen das Vergessen

Die ersten Reaktionen auf die Ausstellung sind positiv, besonders die Lehrer sehen es als Angebot und Chance, ihren Schüler dadurch dieses Thema näher zu bringen. Sie wollen einen Beitrag leisten, wollen Geschichte nicht einfach Geschichte sein lassen. Darum besuchte eine Gruppe aus Liechtenstein, darunter einige Lehrer, vor einem Jahr einen Weiterbildungskurs in Israel, in Yad Vashem, der Gedenkstätte für die im Dritten Reich ermordeten Juden. Dort lernten sie, wie das Thema Holocaust an Schulen unterrichtet werden kann.
Die Ausstellung «Kein Kinderspiel» kann noch diese Woche in Eschen besucht werden. Danach wird sie im Liechtensteinischen Gymnasim sowie in den weiterführenden Schulen in Triesen zu sehen sein.

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